Bezirksverband München erinnert an den Gesellenmord im Jahr 1919

04.05.2024 | Münchner Gesellenmord vor 105 Jahren

Vor genau 105 Jahren, am 6. Mai 1919 wurden 21 junge Gesellen des katholischen Gesellenvereins München St. Joseph brutal ermordet. Der Bezirk München gedachte mit einem Gottesdienst dieser Bluttat. Anschließend referierte Prof. Alexander Korb über diese Tat und ordnete sie in die Geschichte ein.

Mucksmäuschenstill war es in der Bürgersaalkirche München, als Bezirkspräses Bernhard Stürber die Namen, den Beruf und vor allem das Alter derjenigen Gesellen vortrug, die vor 105 Jahren ermordet wurden. Fünf der Ermordeten waren gerade einmal 19 Jahre alt.

Wie kam es dazu? Die Gesellen von St. Joseph trafen sich in ihrem Vereinslokal in der Münchner Augustenstraße, um ein Theaterstück zu besprechen. Nach den Wirren des Ersten Weltkrieges schien wieder so etwas wie Normalität einzukehren: im November 1918 wurden in Bayern und allen anderen Gebieten des Reichs die bis dato regierenden Monarchen vertrieben und Republiken ausgerufen. In Bayern war es Kurt Eisner, der die provisorische Regierung stellte. Im Januar 1919 erfolgte die erste demokratische Wahl und Kurt Eisner wollte am 21. Februar sein Amt niederlegen, als er ermordet wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt verlief die Revolution ohne Blutvergießen. Erst danach kam es in München zu Ausschreitungen: die gewählte Regierung musste München verlassen, im Stadtgebiet übernahmen rote Revolutionsregierungen die Macht. Um diese zu brechen, kam die Reichswehr und Freicorps nach München und es kam zu einigen Gewalttaten von beiden Seiten. Die grausigste Tat wurde jedoch an den Gesellen von St. Joseph verübt.

Am Abend des 6. Mai waren bereits einige der Gesellen heimgegangen, die restlichen 26 befanden sich noch im Vereinslokal, als Soldaten das Lokal stürmten. Sie behaupten, die Gesellen seien Spartakisten und hätten eine verbotene Versammlung abgehalten. Obwohl die Gesellen das verneinten, wurden sie abgeführt und bereits auf der Straße von anderen Soldaten, die hinzustießen und auch angetrunken waren, zuerst mit Fäusten und dann auch mit den Gewehrkolben und Pistolen geschlagen. Sie wurden durch die Stadt zum Karolinenplatz getrieben, wo im Keller ein Gefängnis für Spartakisten eingerichtet war. Aber bereits im Hof wurden sechs oder sieben der Gesellen erschossen, die anderen die Treppe in den Keller hinuntergestoßen. Ein Überlebender, Anton Wolf, beschrieb später die Situation: „Wir anderen kamen in den Keller und versuchten immer wieder unter Beteuerungen und Versuchen, uns zu legitimieren; nichts half. Wir mussten uns auf den Boden legen, mit dem Gesicht nach unten … Nun ging eine furchtbare Schießerei los …. Dann, nachdem diese Schießerei zu Ende war, wurde geplündert. Bei dieser Gelegenheit hatte dieses Mordgesindel gesehen, dass der eine und der andere vielleicht noch lebt und dann haben sie mit ihren Bajonetten ganze Arbeit gemacht.“ Er selbst bekam drei Bajonettstiche, einen Lungendurchstich und wurde dann bewusstlos.

Bei der Beerdigung wandte sich Pater Rupert Mayer mit eindringlichen Worten an die Eltern, Ehefrauen und Geschwister der Ermordeten: „Viel habe ich während der 2 ½-jährigen Tätigkeit im Felde erlebt, Schauerliches mitansehen müssen. Aber nichts hat mich innerlich so erschüttert, so zermalmt, als die Nachricht von dem Fürchterlichen, was hier geschehen ist.“  … „Was uns vor allem so weh tut ..., das ist die Tatsache, dass Unschuldige, harmlose, liebe, gute Leute so jäh und plötzlich auf so schreckliche Weise ums Leben gekommen sind.“ Pater Rupert Mayer rief dann zur Versöhnung auf: „Fort mit den Gedanken des Hasses. Soll sich unser Volk zerfleischen und zermalmen?“

Juristisch wurde der Gesellenmord zwar aufgearbeitet, aber die Soldaten redeten sich heraus, dass es eine bedauerliche Verkettung von Umständen war. So kam es zu keiner Anklage der beteiligten Offiziere, sondern nur zur Anklage gegen fünf Soldaten, von denen einer freigesprochen wurde, da seine Tat nicht bewiesen werden konnte, und ein anderer zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde, da er behauptete, einen der Gesellen gerettet zu haben und einen anderen zwar erschossen hätte, dies aber nur getan habe, um ihn von seinem qualvollen Leid zu erlösen. Gegen die anderen drei kam es zu Haftstrafen wegen Totschlages – die Staatsanwälte plädierten nicht auf Mord. Im Gegensatz zu den Verbrechen der Roten Garden.

Nach dem grausamen Gesellenmord wurde in München Gewalt gegen rechts und links anders wahrgenommen. Wenn – so auch Bezirkspräses Stürber – dieser Mord irgendeinen Sinn hatte, dann den, dass danach die tödlichen Exzesse aufhörten.

Prof. Korb wählte den Titel „Sperriges Gedenken“ für seinen Vortrag: München tut sich immer noch schwer im Umgang mit Gedenken an Gewalttaten – nicht nur an die Gewalttaten von 1919, sondern auch jüngsten Gewalttaten, wie den rechtsradikalen Bombenanschlag beim Oktoberfest 1980, das 13 Menschenleben kostete, oder am Olympia Einkaufszentrum 2016, dem neun Menschen zum Opfer fielen.

Alfons Barth, BV München
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Die ermordeten Gesellen.
Diözesanpräses Christoph Wittmann und Bezirkspräses Bernhard Stürber beim Gedenkgottesdienst in der Bürgersaalkirche. Foto: Winfried Hupe
Beim Gedenkgottesdienst wurden Kerzen für die ermordeten Gesellen entzündet und dabei die Namen verlesen. Bild: Winfried Hupe