„Jetzt soll Matiur vom Himmel aus etwas für uns tun“

23.01.2024 | Eine Kolping-Liebesgeschichte

Im November erreichte mich eine Email mit einer Frage, die mich aufhorchen ließ: „Meine Mutter hat früher im Kolpinghaus gearbeitet und dort meinen Vater Matiur Rahman kennengelernt. Mein Vater kam mit dem Fahrrad aus Bangladesh und hat im Kolpinghaus gewohnt. Sie haben in der Kapelle des Kolpinghauses am 14.11.1965 geheiratet und in der Familienstube gefeiert. Meine Mutter ist jetzt 85 und hat am kommenden Dienstag den 58. Hochzeitstag."

"Mein Vater lebt leider nicht mehr. Gerne würde ich um 11:00 Uhr mit meiner Mutter und meinem Bruder ins Kolpinghaus kommen und diesem Ereignis im kleinen Kreis zu dritt gedenken. Vielleicht könnten wir dann die Kapelle anschauen. Der Pförtner, Herr Casaburi, hatte die spontane Idee, dass Sie evtl. ein paar Worte sprechen könnten und Mama segnen, falls Sie Zeit haben. Das wäre natürlich eine tolle Überraschung.“

Was für eine spannende Geschichte, dachte ich mir. Das lasse ich mir nicht entgehen, diese Frau möchte ich gerne kennen lernen. – Und es war eine wunderbare Begegnung und eine Geschichte, die erzählt gehört, weil sie so außergewöhnlich ist, weil sie zu Herzen geht:

Hannelore Dollinger ist 1938 in München geboren, Matiur 1937 in Dhaka, Ost-Pakistan, heute Bangladesh. Matiur brach mit dem Fahrrad und 100 Dollar in der Tasche zu einer Reise um die Welt auf, die unvorhergesehen in München enden sollte. Viele Monate war er unterwegs, fand bei gastfreundlichen Menschen Unterkunft, verdiente sich seine Reisespesen mit Zeitungsberichten über seine Erlebnisse als „World Tourist from Pakistan“. Auf eisglatter Straße kam Matiur in der Türkei von der Straße ab, brach sich beide Sprungelenke und musste einige Monate genesen. Schließlich kam er in München am Stachus an und traf einen Zeitungsreporter, der eine Geschichte über den außergewöhnlichen Mann schrieb und ihm dem Tipp gab, dass das Kolpinghaus ein weltoffenes Haus sei, das Reisenden wie ihm eine Unterkunft gewähre. So machte Matiur im Kolpinghaus eine Genesungspause von seiner Reise.

Hannelore arbeitete im Büro des Präses und wurde von ihm gebeten, dem neuen Bewohner aus der weiten Welt Deutsch zu lehren. Und so kam es zum Kontakt miteinander, aus dem mehr wurde – bis sie schließlich beschlossen, ihr Leben miteinander zu verbringen und zu heiraten. Matiur war inzwischen katholisch mit dem Zweitnamen Robert getauft worden.

Zunächst fand die standesamtliche Hochzeit im Sommer 1965 in kleinem Kreis statt, damit eine gemeinsame Wohnung gesucht werden konnte. Beide wohnten weiter getrennt, Hannelore bei den Eltern, Matiur im Kolpinghaus. Nach der kirchlichen Trauung in der Kolpinghaus-Kapelle konnte die erste gemeinsamen Wohnung in Untermiete bezogen werden und die erste Tochter Ariane zur Welt kommen.

Nach dem Umzug in eine größere Wohnung in Neuperlach kam die zweite Tochter zur Welt und als 1983 ein Sohn unterwegs war, entschieden sich die Eltern zum Kauf eines Hauses in München, wo Hannelore und ihr Sohn noch heute wohnen.

Gemeinsam schafften es Hannelore und Matiur mit Engagement, Liebe, Fleiß und Geduld, ihren drei Kindern eine Kindheit zu bieten, in der es an nichts fehlte.

Zusätzlich war Matiur immer seiner Heimat sehr verbunden. In Bangladesh baute er ein Haus und eine Farm. Die Familie besuchte das bunte, lebensfrohe Bangladesh einige Male. Sohn Immanuel verbrachte das erste Schuljahr dort, Hannelore hatte aber Sehnsucht und holte Mann und Sohn wieder zurück.

Den Lebenstraum, in der Rente die Sommer in München und die Winter in Bangladesh zu verbringen, durfte Matiur leider nicht mehr erleben – er starb im April 2008. Hannelore war in den Jahren, in denen er krankheitsbedingt ihre Hilfe brauchte, immer liebevoll an seiner Seite.

Ihre Energie, ihre liebevolle, selbstlose und empathische Art hat allen Kindern eine selbstbestimmte und freie Lebensplanung ermöglicht. Frei von kulturellen oder religiösen Zwängen. Mit ihnen aufwachsen zu dürfen heißt, Vorbilder aus beiden Welten haben zu dürfen.

Hannelore feierte den 58. Hochzeitstag mit zwei ihrer Kinder im Kolpinghaus – sie dankten ihrem Ehemann und Papa Matiur, dass sie immer noch im Herzen verbunden sein und ihre Liebe erfahren dürfen. 

Und in der Kapelle des Kolpinghauses, in der am 14.11.1965 alles begann, sagte Hannelore 2023 mit einem Lächeln: „Jetzt soll Matiur vom Himmel aus etwas für uns tun.“

Präses Christoph Wittmann und Ariane Champeimont, geb. Rahman
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